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Internationale Tagung "Migration – Mehrsprachigkeit - Bildung": Mehrsprachigkeit als Potential und Chance begreifen

Die gegenwärtige Migration in Deutschland blickt auf gut 50 Jahre Geschichte zurück. Im Ruhrgebiet werden neben der deutschen Sprache Türkisch, Russisch, Arabisch, Polnisch, Serbisch, Kroatisch, Bosnisch, Italienisch, Griechisch gesprochen. Nichtsdestotrotz ist es bis heute nicht gelungen, Mehrsprachigkeit als Dimension der Bildung und der Gesellschaft zu verankern und die Perspektive auf das Potential Mehrsprachiger zu lenken. Diesem Themenkomplex widmete sich die internationale Tagung mit dem Titel "Nach 50 Jahren: Migration - Mehrsprachigkeit - Bildung". Die gut 100 Teilnehmer erlebten eine anregende, in 40 Vorträgen den Diskussionstand kritisch reflektierende Veranstaltung.

Der Eröffnungsvortrag von Prof. Ehlich (Berlin) stellte die Migration und die Sprachpolitik in einen historisch-gesellschaftlichen Rahmen, indem er auch die „polnische Migration“ ins Ruhrgebiet einbezog. Diese als Assimilation angelegte Migration verlief keineswegs unproblematisch. Eine Barriere bildete und bildet das nationalsprachliche Bewusstsein, das die Einheit der Nation durch eine Einheitssprache konstituiert sieht.

Die Tagung machte deutlich, dass die deutsche Gesellschaft heute mehrsprachig ist, die Konsequenzen daraus aber von Schulen, Universitäten, Behörden noch kaum gezogen sind. Denn neben dem Deutschen müssen auch die Erstsprachen entwickelt werden:

  • Deutsch lernt man besser, wenn die Erstsprache, das Sprachbewusstsein und der Wortschatz so ausgebaut sind, dass das Lernen weiterer Sprachen leichter wird;
  • Die Chancen der jüngeren Generation erhöhen sich, wenn sie auch ihre Erstsprache so gut sprechen, schreiben und lesen können, dass sie damit auch im Herkunftsland oder im internationalen Austausch bestehen können;
  • Auch deutsch erstsprachige Schüler können davon profitieren, mit einer der Minderheitensprachen in der Schule konfrontiert zu werden. Sie lernen dadurch, die für das Verständnis der eigenen Sprache nötige Distanz und Reflexionsfähigkeit zu gewinnen.

Tatsächlich spielt aber eine große Minderheitensprache wie Türkisch an deutschen Schulen in Behörden und im gesellschaftlichen Leben keine Rolle. Wie unsere Schulen und Institutionen Mehrsprachigkeit voranbringen und damit nachhaltig die Sprachfähigkeit aller fördern können – und zwar nicht nur im Deutschunterricht, sondern etwa auch im Islamunterricht oder im Mathematikunterricht – wurde in den Sektionen der Tagung erörtert. Dazu wurden neueste Forschungsergebnisse aus den Sprachwissenschaften, der Psychologie und den Sozialwissenschaften vorgetragen und didaktische Pfade zu einer anderen Art von Unterricht gebahnt.

Es gibt keine „Parallelwelten“

Ein anderer Tagungsschwerpunkt lag in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Heterogenität und Vielfalt und der Akkulturation der Eingewanderten. Dazu trug Prof. Uslucan (Zentrum für Türkeistudien) neueste Forschungsergebnisse vor. Demnach kann von „Parallelwelten“ keine Rede sein, Migranten beteiligen sich aktiv am gesellschaftlichen Leben, in heterogenen Gruppen ist die Kreativität sogar größer.

Verschiedene Vorträge zeigten, wie sich mehrsprachige Kommunikation praktisch darstellt, etwa im mehrsprachigen Umfeld einer Moschee oder an Hochschulen oder anderen Bildungsinstitutionen.

Ein Thema waren auch die bekannten Schwierigkeiten mit Behördentexten (Briefe, Formulare) und der Kommunikation in den Behörden. Im Umgang mit Formularen zeigten sich in einer empirischen Untersuchung vergleichbare Probleme bei einer deutsch-erstsprachigen wie bei einer türkisch-erstsprachigen Gruppe. Es zeigte sich aber auch in Interviews, in welcher Weise die soziale Identität in Behördenkommunikation auf dem Spiel stand.

Der abschließende Vortrag von Prof. Rita Süssmuth (Berlin) nahm die politische und gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte kritisch auf. Er war ein leidenschaftliches Plädoyer für die frühe Förderung und die Ermöglichung einer mehrkulturellen, mehrsprachigen Gesellschaft, die allen die Teilhabe ermöglicht und den Zugang zu Bildung und internationalem Austausch nicht länger behindert.

Fest steht: Die Konzepte sind da, nun kann Mehrsprachigkeit – als Potential und Chance begriffen – genutzt werden, um bessere Bildung und umfassende gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

(Autor: Prof. Dr. Ludger Hoffmann)